100 Jahre Ostfriesland – Die Römer gegen Ebbe und Flut

Der 3. Teil unserer kleinen Serie mit Augenzwinkern über die Geschichte von Ostfriesland, dieses Mal mit einem großen zeitlichen Sprung zurück: Wir befinden uns im Jahr 50 v. Chr. Ganz Germanien ist den Römern bekannt. Ganz Germanien? Nein! Ein von unterschiedlich beugsamen Küstenbewohnern bewohntes Küstenland wird von der Welt entdeckt …

Der römische Offizier und Schriftsteller Plinius der Ältere verfasste folgende Zeilen über das Volk zwischen Weser- und Ems-Mündung:

„(…) In gewaltiger Strömung ergießt sich dort der Ozean in Zwischenräumen zweimal bei Tage und bei Nacht auf ein ungeheures Gebiet, indem er den abwechselnden Streit der Elemente bedeckt, von dem man im Zweifel sein kann, ob er zum Lande gehört oder ein Teil des Meeres ist. Dort hat ein elendes Völkchen hohe Hügel im Besitz, die wie Rednerbühnen von Menschenhand errichtet sind, entsprechend den Erfahrungen von der höchsten Flutgrenze: auf sie sind demgemäß Hütten gesetzt. Ihre Bewohner gleichen Segelnden, wenn die Fluten das umliegende Land bedecken, aber Schiffbrüchigen, wenn sie wieder zurückgewichen sind, und sie machen bei ihren Hütten Jagd auf die mit dem Meer fliehenden Fische. (…)“

Im modernen Sinne besiedelt wurde Ostfriesland erst gegen 500 v. Chr. Daraus entwickelten sich verschiedene Stämme. Die Chauken teilten sich links der Weser als „kleine Chauken“ und rechts der Weser als „große Chauken“ auf. Westlich davon bis ins heutige Holland hinein siedelten die Friesen. Unterhalb der kleinen Chauken, die Ems entlang, waren die Ampsivarier ansässig.

Allerdings dürfen wir uns unter „Besiedlung“ nicht zu viel vorstellen. In der ostfriesischen Geest gab es zu Zeiten von Cäsar nicht mal kleine Dörfer, geschweige denn Städte. In der Regel nur einzelne Gehöfte, die Mensch und Tier in mehreren Bereichen Unterschlupf boten. Siedlung bedeutete: Da ist einer mit seiner Sippschaft auf dem Hof.

Drusus lernt zuerst Ebbe kennen

Asterix-Kenner wissen, im Jahr 50 v. Chr. unterwarf Cäsar Gallien … bis auf ein kleines Dorf, genau. Julius guckte danach auch mal kurz am Rhein vorbei, ob da auch alles gesichert ist. Übrigens aus heutiger Sicht recht modern ging es den Römern in dieser Zeit bei der Absicherung ihrer Gebiete nicht darum, alles mit Mauern zu umgeben. Die Grenze wurde damals von einem Einflussgebiet definiert. Ein Gebiet, das nicht dauerhafte Römerlager und Befestigungen hatte, in dem aber durchaus auch Römer lebten und fleißig handelten. Die angrenzende römische Provinz hatte lediglich ein Auge darauf, dass es in diesem Einflussgebiet friedlich zuging – im Sinne des Handelns. Ja, von solchen Ideen könnten einige Staatsmänner in der EU heute noch was lernen … sei’s drum.

Begrenzungszaun aus Holz mit WachturmDas ging auch ein paar Jahrzehnte mit den Germanen ganz gut. Germanien war teilweise bis zur Elbe so ein Einflussgebiet. Aber Cäsars Nachfolger Augustus war weniger geduldig. Als mal wieder so ein Germanenstamm linksrheinisch einen auf „dicke Hose“ machte, schickte er Oberbefehlshaber Drusus nach Norden. Er sollte bei der Gelegenheit auch gleich mal weiter nördlich gucken, wegen der Gesamtsituation. Drusus marschierte los und erreichte 12 v. Chr. erstmals das heutige Ostfriesland. Die Gezeiten dort waren den Römern weitgehend unbekannt. Und so bot sich ihnen schon eine ziemlich seltsam trübselige Landschaft. Ja, die Gehöfte wurden auf Hügeln erbaut aber ansonsten war zwischen Meer und Land ein im wahrsten Sinne fließender Übergang, der sich permanent änderte. Und im Hinterland waren die großen Moore. Alles in allem keine Gegend, wo sich der geneigte Römer spontan sagte: Hübsch hier, lass mal ein Städtchen bauen.

Drusus machte als erstes mit der Ebbe Bekanntschaft. Seine Flotte lief auf dem Rückweg von der Ems-Mündung gen Westen aufs Trockene. Gerettet wurde er von den Friesen. Beweis für den tief sitzenden friedlichen Charakter von Friesen und Ostfriesen. Die Chauken waren dagegen eher frech und wurden sofort von der erstaunlichsten Militärmaschinerie der damaligen Welt schnurstracks unterworfen.

„Unterwerfung“ der Chauken

Vorweg genommen: Das war es dann im Wesentlichen mit Auseinandersetzungen unter römischer Beteiligung in Ostfriesland. In den kommenden Jahrzehnten waren Römische Legionen vor allem deswegen so häufig hier unterwegs, weil die Flussmündungen von Ems und Weser strategisch von außergewöhnlicher Bedeutung waren.

Ein unwegsamer Waldpfad

Eine Römische Legion bestand damals aus 3.000 bis 6.000 Soldaten plus Tross! Und der war gerade bei den durch Norddeutschland ziehenden Legionen groß. Das lag unter anderem auch daran, dass die Römer so gar keinen Hang zur lokalen Küchen entwickelten. Da nahm man lieber einheimische Spezialitäten wie Linsen, Wein, Oliven usw. von zu Hause mit. Drusus und später Germanicus waren mit mehreren Legionen unterwegs. Die waren in der Masse furchteinflößender als im Tempo – erst recht durch so unwirkliche Gegenden wie das damalige Norddeutschland. Es gab natürlich schon ein Wegenetz, besonders durch die Moore. Aber das war nicht darauf ausgelegt, ganze Legionen über sich laufen zu lassen (siehe Bild). Mit einer Flotte kam man auf der Ems damals schon locker bis Westfalen und bis zum Rhein war es auch nicht weit. Über die Weser kam man bis ins heutige Hessen, wo damals der Stamm der Chatten lebte. Mit denen gab es später auch massiv Stress.

So nachhaltig wie die Chauken sich unterwerfen ließen, war es von vorneherein mehr Propaganda (neudeutsch: Storytelling) hier von einem militärischen Erfolg des Drusus zu sprechen. Dennoch schrieb Zeitgenosse Velleius damals: „Der Cäsar (Kaiser) habe die Unterwerfung der Chaukenstämme entgegengenommen; ihre ganze junge Mannschaft, die unermesslich an Zahl, riesig an Gestalt, durch die Lage ihres Gebiets in größter Sicherheit war, warf sich (…) vor dem Hochsitz unseres Feldherrn zu Füßen“. Platsch.

Feldherr Germanicus kommt öfter und lernt Flut kennen

Im Gegensatz zu etwa Gallien war Germanien eine echte Vielvölkergegend. Jeder Stamm machte, was er wollte. Es fehlte ein politischer Gegensatz, um die Römer zu veranlassen, mal über eine grundsätzliche Eroberung nachzudenken. Tat bis dahin einfach nicht Not.

Das änderte sich unter anderem mit dem berühmten Hermann (Arminius) dem Cherusker, der sehr viele Stämme vereinte und den römischen Statthalter Varus mitsamt seinen Legionen 9 n. Chr. fast restlos vernichtete. Kurz danach starb Kaiser Augustus und sein unbeliebter Nachfolger (und Adoptivsohn) Tiberius musste noch einige Zeit um seine Macht kämpfen. Vor allem die verbliebenen, durch die Varus-Schlacht etwas verunsicherten Legionen in Germanien fanden, die Gelegenheit sei günstig, mal einen Aufstand anzuzetteln. Also schickte Neu-Kaiser Tiberius den in Rom wesentlichen beliebteren Germanicus nach Norden, um die Ordnung wieder herzustellen. Der war übrigens der Sohn von Drusus. Diese Römer Bosse damals – alle verwandt oder verschwägert.

Büste von Germanicus

Germanicus (Bild rechts) beendete den Aufstand der Legionen standesgemäß blutig und zog von 14 bis 16 n. Chr. los. Teilweise hatte er die größte zusammen agierende Streitmacht unter sich, die Rom je im Einsatz hatte. Und er nutzte eben die strategischen Vorteile von Ems und Weser, um möglichst schnell in Germanien anwesend zu sein.

Es ist nicht ganz klar wann genau, oder ob auch schon unter Drusus. Aber man vermutet, dass das stetige Hin- und Hergeschippere der Römer über die Ems dazu führte, dass sich beim heutigen Bentumersiel (heute Gemeinde Jemgum, Landkreis Leer) ein gut frequentiertes, wenn auch nicht permanentes Römerlager befand. Dort traf man auch mit den Chauken zusammen, die mittlerweile recht populäre, weil zuverlässige Hilfstruppen stellten. Zwar ist nicht klar, wie weit die mit Arminius sympathisierten, dem Aufstand der germanischen Stämme unter ihm hatte man sich allerdings nicht angeschlossen.

In diesen zwei Jahren wütete Germanicus vor allem gegen die Stämme, die Arminius unterstützt hatten. Dass er bei seinem Feldzug Richtung Süden auch am Ort der Varus-Schlacht Halt machte und zwei Legionsadler (Feldzeichen) der vernichteten Varus-Legionen wieder zurückholen konnte, waren nur Teile einer erfolgreichen Strategie, die ihn bei den Soldaten dauerhaft immer beliebter machte. Vielleicht reichte es ja bis zum Kaiserthron? Nein, so weit kam es nicht.

In einem zweiten Feldzug schiffte Germanicus wieder über Ems und Weser gegen die Chatten in Hessen ein. Das Unternehmen gipfelte 16 n. Chr. in einer Schlacht gegen Arminius und Getreue, vermutlich in der Nähe von Minden (Porta-Westfalica). Allerdings konnte von einem klaren Sieg keine Rede sein. In Rom hatte Tiberius mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass der germanische Feldzug über kurz oder lang nichts bringen würde außer den Verlust von Tausenden von Legionären und jede Menge Kosten. Also rief er Germanicus zurück. Und der kam somit ein letztes Mal mit dem Großteil seiner Legionen durch Ostfriesland. Wahrscheinlich wieder in Bentumersiel teilte er noch einmal das Heer und ließ neben der Flotte parallel zwei Legionen über Land marschieren. Pech für ihn, dass er mit seinen Schiffen in eine große Sturmflut geriet, die ihn ordentlich Männer und Schiffe kostete. Einige Gruppen wurden sogar erst in England wieder an Land gespült.

Auch wenn die Römer nach der „Schlacht im Teutoburger Wald“ keine solche mehr verloren. Gemessen am Aufwand war der Germanien-Feldzug eine Pleite.

100 Jahre auf Dienstreise durch Ostfriesland

30 Jahre nach Germanicus hatten die Chauken wieder an Selbstvertrauen gewonnen und prügelten sich über See kommend immer wieder mit einem Nachbarstamm. Dieser Aufruhr der Chauken wurde vom damaligen römischen Statthalter Corbulo mit aller Härte beendet und das wiederum erregte die anderen Stämme der Gegend. Aber der Kaiser Claudius befahl endgültig alle Truppen wieder zurück links des Rheins.

Aus dieser Zeit des wilden Corbulo, der sich auf dem Gebiet der Friesen gerade so gut eingerichtet hatte, stammt übrigens auch die Schilderung des Plinius zu Beginn. Es ist die wahrscheinlich einzige einigermaßen authentische Beschreibung Ostfrieslands in der Antike.

Römische Legion beim Marsch

Nach 100 Jahren in Ostfriesland zogen die Römer wieder ab.

Aber Ostfrieslands Geschichte fängt hier gerade erst an! Lest in unseren ersten beiden Teilen „Kriege, Emden und ein Hauch von Afrika“ und in „Preußen, Moorland und ein bisschen Franzose“ mehr zum 17. und 18. Jahrhundert.

Geschichte sollte man aber am besten hautnah vor Ort erleben, also besucht uns doch in unserem Upstalsboom Parkhotel, im Seehotel Borkum oder in einer unserer Ferienwohnungen in Ostfriesland! ;-)

Wir freuen uns auf Euch!

 

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Kommentare (2)

  • Cherusker

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    Die Weser konnte man in der Antike nur bis zum heutigen Hameln befahren. Dort mußten die Schiffe, aufgrund des Werder, umgeladen werden.
    Die Friesen waren die größten Waschlappen. 28 n.Chr. begannen sie einen blutigen Aufstand gegen die Römer, weil zuvor der römische Steuerdruck zu hoch geworden war, sodaß sie Rinder, Frauen und Kinder verkaufen mußten.

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    • Sebastian

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      Hallo Cherusker,
      danke für deine Anmerkung. Wir müssen da aber was klarstellen! Der Stamm der Waschlappen ist eher weiter nördlich anzusiedeln. Absolut wissenschaftlich seriösen Quellen zufolge waren die Waschlappen ein Unterclan der Lappen und von diesen in einer großen Flussschlacht ordentlich durch- und aus den Geschichtsbüchern fortgespült. ;-)

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