100 Jahre Ostfriesland – Preußen, Moorland und ein bisschen Franzose

Teil 2 unserer kleinen Serie mit Augenzwinkern über die Geschichte von Ostfriesland. Jeweils etwa 100 Jahre. Hier beginnt alles mit einem Glas Buttermilch …  

Erster Teil: Kriege, Emden und ein Hauch von Afrika

Buttermilch

Es ist ein wohlig temperierter Tag im Mai 1744. Nach einem Glas vergifteter Buttermilch hauchte der letzte der Ostfriesen-Fürsten, Carl Edzard, sein Leben aus. … Kann ich verstehen. Buttermilch mag ich auch nicht… aber das gehört nicht hierher. Als Gestalter der Ostfriesischen Geschichte war Carl Edzard so unbedeutend, dass dieser Vorfall zeitweise mehr Beachtung fand als sein gesamtes Wirken. Die „renitenten“ Stände, mit denen sich sein Vater Georg Albrecht herumgeprügelt hatte, sollen für den Giftanschlag verantwortlich gewesen sein. Als ob Buttermilch an sich nicht schon ausgereicht hätte … aber gut, das gehört nicht hierher.

Win-Win-Versprechen mit Preußen

Politisch war Ostfriesland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas runtergekommen. Trotz der Niederlage der Stände im Appellkrieg gegen den Fürsten, behielten die Stände praktisch gesehen ihre wirtschaftliche Macht. Und im gleichen Jahr 1734, als der unauffällige Carl Edzard den Thron bestieg, arbeiteten die Emder schon fleißig an einer Zukunft mit dem Königreich Preußen. Die hatten schon länger ein Auge auf Mecklenburg und Ostfriesland geworfen.

Der letzte Ostfriesen-Fürst Carl Edzard – der Unbedeutende

Zeitgleich mit Carl Edzards Thronbesteigung in Ostfriesland machte sich einer der führenden „Renitenten“, Sebastian Anton Homfeld, ganz offiziell um ein Zusammengehen mit Preußen verdient. Sie witterten ihre Chance in einem kaiserlichen Erlass, nachdem Ostfriesland an Preußen gehen sollte, wenn die Ostfriesische Fürstenlinie keinen Nachwuchs hinbekommen sollte. Und Carl Edzard war nicht gerade der Hengst vor dem Herrn. Homfeld soll übrigens Gerüchten zufolge später beim mutmaßlichen Giftanschlag auf den Fürsten aktiv mitgewirkt haben. Ob er allerdings Buttermilch auch nicht mochte, wissen wir nicht. Das gehört aber auch nicht hierher.

Der feine Herr Homfeld stand nun ohnehin schon in verschiedenen parallelen Positionen auf preußischer Gehaltsliste und erwies sich als guter Verkäufer. 1744 – Carl Edzard lebte sogar noch (ein paar Wochen, bis zur Buttermilch) – wurde der Deal mit Preußen fix gemacht. Es gab eine „Emder Konvention“, die die hoheitlichen Rechte an das Königreich übergab und Ostfriesland dafür einiges an Sonderrechten sicherte. Die gipfelten unter anderem im Recht Steuern zu erheben oder in der Ernennung Emdens zum Freihafen – sprich: zollfreien Hafen. Preußen erkannte Ostfriesland auch eine gewisse Autonomie innerhalb des Königreiches zu. Unter der vorzüglichen Leitung eines Kanzlers … ach, was für ein Zufall: Sebastian Anton Homfeld, dem man fürderhin nachsagte, sich von Buttermilch weitgehend fernzuhalten. Kann ich verstehen. Gehört aber nicht hierher.

Ostfriesland nach den Flitterwochen

Preußenkönig Friedrich II.

Schneller, als die Ostfriesen beim anschließenden Besuch des mittlerweile neuen Preußischen Königs Friedrich II. (der Große) „guten Tag“ und „auf Wiedersehen“ sagen konnten, zeigte sich allerdings, dass das Überlassen von Autonomie auch ein Indiz für entwicklungspolitisches Desinteresse sein könnte.

Der große Friedrich hatte sich mittlerweile mit fast ganz Europa angelegt – inklusive Frankreich, Österreich (damals noch Großmacht) und Russland. Der siebenjährige Krieg machte auch vor Ostfriesland nicht halt. Ein französischer Marquis und Gefolge zogen krass plündernd durch die Lande nach dem Muster: Zahl mir Kohle und ich lasse Geiseln frei und ziehe ab … für den Moment. Den mussten die Ostfriesen, darunter auch viele Bauern, selber aus dem Land jagen.

Moorkolonisierung auf Preußisch

Noch deutlicher aber zeigte sich preußisches Desinteresse bei der Besiedlung der Moore, die in den Wirren während und nach dem 30-jährigen Krieg stagnierte.

Urbarmachungsedikt für Ostfriesland (1765)

Friedrich der Große fand Landgewinnung/Urbarmachung klasse. Und entgegen Jahrhunderte altem Recht, nachdem ein Bauer von ihm urbar gemachtes Land behalten durfte, gehörte das jetzt alles dem Staat. Darüber hinaus erwies sich dabei die preußische Verwaltung als ziemlich schlampig.

Früher, bei der Errichtung von Fehnsiedlungen legte man zuerst einmal Entwässerungskanäle an. Jetzt allerdings, hieß es einfach nur: Land zuteilen nach dem Prinzip Blindes-Huhn-findet-Korn und bei der Urbarmachung wollte man privaten Investitionen keinesfalls mit öffentlichen Geldern im Wege stehen.

Das war zweifach ziemlich schwach. Erstens waren die Neu-Siedler überwiegend arme bis mittellose Menschen, die aus überbevölkerten Städten flohen, ehemalige Söldner waren oder denen auch sonst das Etikett „jung, dynamisch, erfolglos“ anheftete. Zweitens waren die von der Verwaltung zugewiesenen Parzellen viel zu klein, um eine Familie ernähren zu können und von einer erschlossenen Infrastruktur konnte überhaupt keine Rede sein. Das Ergebnis war eine flächendeckende Armut, von der sich die Moorkolonien erst gut 100 Jahre später erholten. Das lässt sich gut an der Entwicklung der Häuser erkennen, die zuerst aus Grad und Torf bestanden, dann später aus Lehm errichtet wurden und nochmal später mit Backsteinen aus Abbrüchen untermauert und dann mit Lehm ausgebaut wurden.

Napoleon: schnell da, schnell wieder weg

Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 (Auswärtssieg für die Franzosen) gehörte Ostfriesland zu Holland, das wiederum zu Frankreich gehörte. Kein Wunder, Frankreich gehörte unter Napoleon ziemlich viel in Europa.

Kaiser der Franzosen, Napoleon I.

Dann ging es ruck zuck weiter: Erst mal alle bisherigen Privilegien gestrichen. Das galt auch für die Stände – zack, weg! 1810 wurde Ostfriesland als Departement dann doch Frankreich direkt zugeschlagen. Dann ging aber wieder ein Teil zurück an Holland und wurde in das Departement Groningen integriert. Dafür bekam das übrig gebliebene Departement unter anderem Jever dazu. Was für ein Hin und Her!

Hatte ein bisschen was von geopolitischem Resteessen. Aber wenn man sich anschaut, was die Franzosen in Ostfriesland bewegten oder zu bewegen versuchten, dann muss einem deren Tempo Respekt abverlangen!

Unter anderem mussten die Ostfriesen plötzliche Nachnamen annehmen! Vorher herrschte dort die patronymische Namensvererbung vor – nach skandinavischem Vorbild. Da waren Vornamen der Väter wichtiger. Das ging ganz grob in Richtung Gustavs Sohn = Gustavsen usw. Das wurde auch von späteren „Eignern“ Ostfrieslands, etwa den Hannoveranern, nicht mehr geändert.

Andere politische Veränderungen erscheinen aus heutiger Sicht äußerst fortschrittlich – und doch damals nicht durchsetzungsfähig und höchst unpopulär. Und das sogar bei Menschen, wie ansässigen religiösen Minderheiten (unter anderem nicht wenige Juden), die eigentlich unmittelbar davon profitieren konnten. Dazu gehört der „Code Civil“, die Grundlage eines niedergeschriebenen Buches zum Zivilrecht. Gleichheit vor dem Gesetz, Schutz des Privateigentums, persönliche Freiheit etc. In Frankreich ist es zum Großteil bis heute gültig!

Vorwärts, wir müssen zurück!

Wie auch immer. Napoleon bekam sein Waterloo und Europas neues Motto hieß: Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück! Politisch, rechtlich, wirtschaftlich. Schon bemerkenswert und sucht bis heute politische Vergleiche. Ein sich selbst zum Kaiser gekrönter Alleinherrscher sieht sich dennoch in Teilen in der Tradition der Französischen Revolution und damit verantwortlich für recht fortschrittliche Verständnisse von zum Beispiel Rechtsgrundlagen einer Gesellschaft. Dann wurde halb Europa wieder von ihm befreit und die Zeit lief für ein paar Jahrzehnte wieder rückwärts. Die Restauration. … Sowas wie politische Buttermilch. Schmeckt nicht.

Ostfriesland wurde Preußen wieder weggenommen. Die Engländer zogen im Hintergrund die Fäden und sorgten dafür, dass es dem Königreich Hannover zugesprochen wurde. Man könnte es so sagen, dass Hannover damals zu England gehörte („Personalunion“). Immerhin wurden die alten Grenzen Ostfrieslands wiederhergestellt. Aber alles, was man in den 100 – 200 Jahren zuvor an Sonderrechten und Privilegien gesammelt hatte, wurde aberkannt. Ostfriesland war dann mal Provinz.

 

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