Ein V.I.P. im Schlafsack

Wir Upstalsboomer teilen immer wieder gerne unsere Erlebnisse aus den Hotels und Ferienwohnungen zum Schmunzeln, zum Nachdenken und zum Freuen.

Hier schildert Thomas Lüttke, wie er einem besonderem Gast mit einer ungewöhnlichen Lösung weiterhalf. 

„Kleine Geschichte“

von Thomas Lüttke – Front Office and Guest Relations Manager des Hotels Friedrichshain

Es ist ein Freitag im Juli, 23.00 Uhr, die Hitze steht in der Halle. Die O2 Arena tobt, „Kylie Minogue in Concert“. Ich höre das Raunen der Massen durch die offenstehende Eingangstür. Das Haus ist ausverkauft, spitze!

„Boarding completed!“

Nachdem noch zwei Chinesen einchecken wollten, die irgendwo im Nirgendwo der Internet-Galaxie gebucht hatten und mir ihr Samsung mit einer exotischen Buchungsnummer auf dem Display an die nasse Nase drückten, kamen noch die Lehmanns, die wieder ihre Kinder in der Grünberger besuchen. Anreiseliste abgearbeitet! „Boarding completed!“ Prima! Nun kann eigentlich nichts mehr passieren.

Doch dann plötzlich Kofferrollgeräusche im Eingangsbereich, die immer lauter werden! Ich denke: Du hast niemanden mehr, es sind alle da! Mit gesenktem Kopf stiere ich auf den Rechnerbildschirm und erahne im inaktiven Sehbereich die Silhouette einer mir bekannten Person. Ich spüre die dicken Schweißperlen an meinem schwachen Haaransatz – und der Kugelschreiber in meiner rechten Hand fühlt sich an wie ein Marshmallow.

Jetzt musst du, also los: „Moin, moin, Herr Bohrmann, schön, sie wiederzusehen!“

„Moin, Herr Lüttke! Na, heute wieder Spätschicht? Wie Sie wissen, komme ich schon seit vielen Jahren immer mit Anmeldung, aber diesmal hat mich mein Flieger im Stich gelassen und ich muss heute in Berlin bleiben. Sie haben doch bestimmt  noch etwas frei?“

Mir bleibt die Spucke weg, das Hemd klebt und meine Zehen scheinen sich langsam durch das Schuhleder zu bohren. Ausgerechnet für Herrn Bohrmann kein Zimmer? Wo er doch immer so nett und freundlich ist, genügsam und sympathisch, dich immer mit deinem Namen anspricht und gerne auch mal „Dankeschön“ sagt, indem er regelmäßig die größten und exklusivsten Pralinenschachteln auf den Tresen knallt, meist mit der beiläufigen Bemerkung: „Verteil’n Sie das mal an alle!“

„Es tut mir leid, Herr Bohrmann, dass ich sie enttäuschen muss, aber wir sind heute Nacht ausgebucht! Alle Gäste sind bereits angereist und alle Zimmer sind belegt.“

Gefühlte drei Minuten herrscht Totenstille in der Halle! Es waren vielleicht 3 Sekunden. Der Ventilator hinter mir an der Wand summt leise. Ich blicke auf und erkenne den dynamischen Abfall der Spannkraft all seiner Gesichtszüge in Richtung Enttäuschung und Schmerz. Ich denke: „Hilf ihm, jetzt braucht er dich!“

„Aber, Herr Bohrmann, ist nicht so schlimm, ich rufe gleich mal in einem anderen Hotel an und buche sie dort ein, vielleicht haben die Kollegen dort noch Kapazitäten.“

„Nein, nein…“, antwortet er, „…das hat keinen Sinn, denn ich kann woanders sowieso nicht schlafen und außerdem brauche ich ein vernünftiges Frühstück. Kann ich nicht doch hierbleiben, Herr Lüttke…?“ Warme, nette Worte nehme ich wahr und fühle mich plötzlich in einen Check-out gebeamt. Höre ich da etwa ein Feedback mit vielen Details, verpackt in einem Satz? Natürlich. wir haben die besten Betten und ein tolles Frühstück, sind wir vielleicht sogar sein zweites Zuhause? Wenn das mal keine Komplimente sind! Langsam entspanne ich und kann mein Gesicht wieder bewegen. Eine gewisse Sicherheit kommt zurück und das Sprechen fällt leichter – und außerdem kommt mir doch just in diesem Moment eine Idee.

„Wir sind voll bis unter´s Dach. Ich habe keine Möglichkeit mehr, aber, obwohl, apropos Dach: Wir haben doch im Ruheraum des Fitnessbereiches in der siebten Etage unsere Liegen stehen. Sie sind nicht böse, wenn ich Ihnen eine davon anbiete?“

Langsam hebe ich meinen Kopf und ziehe fragend die Augenbrauen nach oben. Was wird er wohl sagen, war ich jetzt doch ein bisschen zu frech? Doch ich entdecke sofort ein Leuchten in seinen Augen.

Ein kleines Lächeln zeigt sich. „Tolle Idee! Vielen Dank, Herr Lüttke!“ Er dreht sich um und verschwindet im Aufzug. „Äh, einen Moment noch bitte, Herr Bohrmann, ich wollte noch…“

Zu spät! Der Aufzug brummt schon leise und Herr Bohrmann, V.I.P., Status Drei checkt in den Fitnessbereich ein. Ich wollte doch noch Bettwäsche anbieten und Handtücher raufbringen. Weg ist er! Ich atme tief durch, blicke in die menschenleere und stille Halle, an der Edelstein-Schmuck-Vitrine vorbei und denke: „Wie einfach manchmal doch die Dinge sind, die ein Mensch braucht!“

Geschafft! Morgen habe ich einen freien Tag. Ich bin bei guten Freunden in Kreuzberg zum Grillen eingeladen. Wenn die morgen nach ihrem dritten Bier wieder alle vor Selbstmitleid und Klage über ihren ach so mühsamen Arbeitsalltag in ihrem langweiligen Büro apathisch in die Grillkohle starren, erzähle ich meine Geschichte. Dann geht die Party erst richtig los…! Danke, Upstalsboom!

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