Klaus Störtebeker ist der bessere Johnny Depp

Klaus Störtebeker, die große Sage an Nord- und Ostsee. Wo auch immer Sie Zeit mit Ihren Lieben an der deutschen Küste verbringen, Ostfriesland, Hamburg, Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, bis nach Hannover. Die Chancen sind groß, dass Ihnen der sagenhafte Störtebeker über den Weg läuft.

Die Tatsache, dass sich Störtebeker seit nunmehr 600 Jahren als Volksheld in den Köpfen der Menschen hält, ist nicht nur mit einer griffigen Geschichte samt allen Zutaten zeitlosen Heldentums zu erklären. Sagen und Legenden wohnt stets etwas Wahres, ein wahrer Kern inne. Sie werden ein Teil der Kultur und somit ein Teil des Landes und der Menschen.

Störtebeker Superstar

Einbringung Klaus Störtebekers in Hamburg. Historisierender Holzstich von Karl Gehrts, 1877, Staatsarchiv Hamburg

Das Mysterium um seine Person feuert bei Wissenschaftlern und Bewunderern gleichermaßen ungebrochen die Neugierde an. Der Name Störtebeker taucht in verschiedenen Chroniken und anderen Quellen immer wieder auf. Doch so wenig die Figur historisch greifbar ist, so wenig ist sie zu leugnen!

Ebenfalls nicht zu leugnen ist Störtebekers wackerer Kampfgefährte Goedecke Micheel. Allein, auch ihn strafte das Schicksal des unbrauchbaren Namens. Wie beim berühmten Little John, dem groß gewachsenen Gefährten des Robin Hood. „Little John – König der Diebe“ Das klingt wohl eher nach einem Disney-Musical aber nicht nach einer kernigen Heldengestalt im Kampf gegen die Obrigkeit! Oder können Sie sich als Filmtitel vorstellen: „Goedecke Micheel – Im Schatten des Todes“? Vielleicht doch eher „Goedecke Micheels – Im Schatten der Hafenkneipe“?

Apropos Hafenkneipe. Der junge Störtebeker wurde auf der Flucht vor einem adligen Schurken von den Likedeelern – so einer Art maritimes Logistik-Startup – aufgenommen. Nicht jedoch ohne zünftiges Aufnahmeritual! Einen vollen Becher frisch Gehopftes sollte er auf ex stürzen! Er bewältigte dies mit Bravour. Mancher will wissen, dass er für die Aufnahme auch ein Handeisen zerbrechen und ein dreimal um den Mast geschlungenes Hanfseil zerreißen musste. Aber jetzt machen Sie daraus mal einen schicken Namen!? Genau, und so wurde aus dem Klaus der Klaus Störtebeker.

Dieser Name Störtebeker als Symbol für den freien Mann der Nordmeere, den tapferen und gerechten Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit ist ein Meisterstück spätmittelalterlichen Marketings. Ein viraler Hit sozusagen!

Die Likedeeler

Kurz nach der Aufnahme Störtebekers bei den Likedeelern will es die Sage, dass er und seine Kameraden zwischen die Mühlsteine verfeindeter Hanse-Interessen gerieten und besonders in Stralsund in eine unübersichtliche Gemengelage von Patriziern und dem Plebs, die sich alle gegenseitig die Pest an den Hals wünschten.

Als dann wurden die Männer zu Seeräubern! Schuld waren auf jeden Fall alle anderen und widrige Umstände und überhaupt! Passt. Kann man jedem verkaufen und liefert die Legitimation für das Piratentum gleich mit.
Und als Bonus gab Störtebeker in einer Dienstanweisung unbekannten Datums an seine Mannen aus: Alles, was kommt, wird zu gleichen Teilen geteilt. Likedeeler = Gleichteiler. Was für ein Hammer-Typ!

Die Vitalienbrüder

Ende des 14. Jahrhunderts wurde dann vor dem Hintergrund des Dänischen Krieges gegen die Schweden der bis dato größte Auftrag an die Seeräuber herangetragen. Die Dänen hatten eine Seeblockade gegen den nördlichen Nachbarn eingerichtet. Die Schweden und ihre Verbündeten suchten nun nach kühnen Seefahrern, die in der Lage waren, diese zu durchbrechen und wichtige Güter, vor allem Lebensmittel (Viktualien) zu liefern. So wurde aus den Likedeelern die Vitalienbrüder.

Das liefernde Gewerbe zur See war damals recht unkompliziert strukturiert. Der Seefahrer/-räuber bekam einen Kaperbrief ausgestellt. Der legitimierte seinen Inhaber, alles im Namen des Auftraggebers zu „organisieren“, was nicht niet- und nagelfest war. Im Gegenzug erhielt der dafür Geld und sicheren Unterschlupf. Da aber im Fall Störtebekers Lebensmittel an hungernde Menschen geliefert wurden, kann aus Sicht des Volksmundes am moralischen Verhalten der Vitalienbrüder keinerlei Zweifel bestehen.

Doch diese Art Söldnertum hat eine empfindliche Schwachstelle. Ist man zu erfolgreich, zu engagiert und gerät gleichzeitig noch in den Ruf, nicht alles ordnungsgemäß abzurechnen, wird es eng. Dann sitzt man in der Zeit nach dem Abflauen akuter Konflikte schnell zwischen alle Stühlen und wird jedermanns Feind. Man stört die öffentliche Ordnung!

Wenn nur noch List und Tücke helfen …

Bild 1: Es soll sich hier um den tatsächlichen Schädel des Klaus Störtebeker handeln. So sagt man…

Gegen Helden helfen nur List und Tücke. Das war so, das ist so, das wird immer so sein. Suchen Sie wahllos im großen Buch der Helden nach deren Todesursache. Es ist immer das Gleiche.
Achilles – vergifteter Pfeil in die einzig verwundbare Stelle, seine Ferse. Die Nibelungensage: Siegfried, niedergestreckt vom betrügerischen Hagen von Tronje, der den Speer an die einzige Stelle setzt, die durch ein Lindenblatt einst verwundbar blieb – zwischen die Schultern. Die drei Königsbrüder der gleichen Sage, Gunter, Gernod und Giselher: halb Verräter, halb unschuldig. Später dann auch von der von ihnen verratenen Kriemhilde zwar nur ein bisschen verraten aber ganz tot! Roland – Tod auf dem Schlachtfeld. Todesursache: Verrat. Robin Hood – vergifteter Pfeil, tot. So richtig originell waren die damals nicht wirklich. Einzig Odysseus, Mensch gewordene Durchtriebenheit daselbst entkam diesem Schicksal. Ist ja auch irgendwie logisch.

(Bild 1: Michail Jungierek, Schädel Hingerichteter HamburgCC BY-SA 3.0)

Natürlich ward also auch Klaus Störtebeker übel mitgespielt. Im Seegefecht gossen Verräter Blei in das Ruder seines Schiffes. Seine Widersacher, die Hamburger nahmen ihn gefangen. Was für fiese Typen, diese Hamburger. Solch arge Hinterlist gegen den Klaus – pfui!

Und im Angesicht des Todes, just bevor er geköpft werden sollte, versuchte er, mit einem Handel das Leben einiger seiner Gefolgsleute zu retten. An wem er kopflos noch vorbeirenne, der solle in die Freiheit entlassen werden. An elf oder zwölf Gefährten ist er dann auch noch vorbeigerannt bis die Hamburger… Sie ahnen es! Teufel auch!

Wahrheit in der Botschaft, nicht in der Geschichte

Seit mehr als 600 Jahren hält sich die Popularität der Person… aber ist es wirklich die Person? Vorrangig sind es doch mehr bestimmte Attribute, für die er steht:

  • Freiheit gegenüber Obrigkeiten und Willkür
  • Gerechtigkeit gegenüber den Bedürftigen
  • Aufrichtigkeit und Treue

Natürlich hat Störtebeker auch einen Schatz hinterlassen! Gefunden hat man ihn nie. Aber einiges soll z. B. in Masten versteckt worden sein. So kamen manch einfache Leute an Teile seines Schiffes und damit auch an teile des Schatzes. Es könnte also auch immer noch überall etwas von ihm herumliegen! Mysteriös fürwahr!

Bild 2: Störtebeker-Denkmal von Hansjörg Wagner auf dem Großen Grasbrook (heute HafenCity) in Hamburg, dem vermuteten Hinrichtungsort

Vergegenwärtigen wir uns die damalige Zeit. Die große Pest hatte halb Europa gerade einmal 50 Jahre zuvor entvölkert. Das entspricht damals zwei Generationen. Was Kinder lernen, lernen sie von Eltern. Es gibt für die meisten weder Schule, noch irgendetwas zu lesen, zu hören oder zu sehen – kulturell. In der Kirche wird Lateinisch gesprochen. Würde heute genauso niemand verstehen.
Grundlegende Informationen über Werte, Gesellschaft, Gebote und Verbote wurden in Liedern, Gedichten oder Geschichten mündlich weitergegeben. Volksmärchen sind eine vergleichbar wichtige Variante dieser Art flächendeckender Sozialkunde.

(Bild 2: Soenke Rahn, Klaus Störtebeker Statue (Hamburg), CC BY-SA 3.0)

Und haben Sie es erkannt? Man könnte die oben genannten Attribute auch zusammenfassen unter: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Nein, Klaus Störtebeker ist nicht der Urknall der späteren Französischen Revolution. Aber er ist bis heute ein Vehikel für diese Werte. Eine Form, die jeder versteht, auch Kinder! Eine Form, bei der es auf historische Genauigkeiten gar nicht ankommt. Eine Geschichte, die fast nach Belieben variiert und ausgeschmückt werden kann, ohne an Relevanz zu verlieren. Kommunikationsexperten nennen das heute „Storytelling“.

 

Wo man Klaus Störtebeker heute begegnet

Rügen – und das ist nicht überraschend!

Die Störtebekerhöhle bei Stubbenkammer auf Rügen zählt der Überlieferung nach zu den bekanntesten Verstecken der Likedeeler. In Ralswiek auf Rügen finden jedes Jahr im Sommer die „Störtebeker Festspiele“ statt“. In 2018 vom 23. Juni bis 08. September!

Ostfriesland, Marienhafe

Der Turm von Marienhafe ist ein ebenso bekanntest versteck Störtebekers gewesen. Auch hier gab es alle drei Jahre die „Störtebeker Freilichtspiele“. Leider sind sie seit 2017 vorrübergehend ausgesetzt, da der Autor schwer erkrankt ist.

Es gab sogar bis Ende 2017 den „Tourismusverband Störtebeker“. Doch auch wenn der explizit nicht mehr unter diesem Namen arbeitet, kommt immer wieder etwas Neues hinzu. So hat z. B. der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) eine neue Rad-Kulturroute Störtebekerland eingerichtet.

Hamburg

Die Hamburger haben ihren Seeräuberhelden offenbar gerade wieder neu für sich entdeckt.
Das St. Pauli Theater bringt von April bis Anfang Mai das „stürmische Theaterspektakel Störtebeker“.

Auch im Schmidt Theater wird seit 2014 alljährlich das populäre Kindermusical „Der kleine Störtebeker“ aufgeführt. Und der nächste Januar kommt bestimmt!

Und nachdem Störtebeker ja in Hamburg am Grasbrook geköpft wurde, kann es nicht überraschen, dass man sich im Hamburg Dungeon persönlich mit seinem angeschlagenen Haupt unterhalten kann! Mensch Klaus, alte Schleuse! Wie war das damals eigentlich wirklich? Kalt?

Verden, nahe Bremen

Jedes Jahr am Montag nach Lätare, dem Sonntag drei Wochen vor Ostern – das können Sie ja mal ausrechnen – werden nach dem Gebot des Störtebeker Brot und Heringe an die Verdener Bevölkerung verteilt. Natürlich mit anschließendem historischen Theaterspiel vor dem Rathaus! Für die Wissensdurstigen: Diese alljährliche Spende von Brot und Heringen ist seit 1602 belegt! Ja, auch in Verden soll der Klaus ebenfalls einen Unterschlupf gehabt haben.

Wer ist Johnny Depp?

In jedem Fall ist Störtebeker kein Hype! Und wenn sich Johnny Depp in 600 Jahren als „Pirate of the Caribbean“ immer noch als Ikone gehalten hat, werden wir hinsichtlich der Überschrift vielleicht erwägen, eine Gegendarstellung abzudrucken.

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