Kunsthalle Emden: von Gemälde bis Virtual Reality – Interview

Emden ist die größte Stadt Ostfrieslands und blickt auf eine lange Geschichte als bedeutende Hafen- und Handelsstadt zurück. Aber ein international hoch angesehenes Kunstmuseum erwartet man wahrscheinlich doch eher in größeren Städten, in Metropolen. Deshalb haben wir uns mit Ilka Erdwiens verabredet, Leitung PR/Marketing der Kunsthalle Emden (Bild unten), die uns auch erzählt hat, warum der Standort Emden für die Kunsthalle kein Zufall, sondern ein Glücksfall ist.

Interview mit Ilka Erdwiens, Kunsthalle Emden

1986 stiftete der Verleger und Gründer des Stern Henri Nannen die Kunsthalle Emden. Wie kam er dazu?

Henri Nannen ist ein Emder Jung, ein Kind der Stadt. Genau wie seine dritte Frau Eske Nannen, die von der Gründung 1983 bis 2017 die Geschäftsführerin der Stiftung „Henri und Eske Nannen und Schenkung van de Loo“ und damit der Kunsthalle war.

Es gibt eine schöne Anekdote von ihm, wie er generell zur Kunst kam. Denn das war von Haus aus nicht unbedingt vorgegeben. Er soll in früher Jugend mit einer Freundin Cilly begeistert Zigarettenbildchen getauscht haben, die damals vielen Zigarettenpackungen beilagen. Aber im Ernst: Er hat ja vor seiner journalistischen Karriere Buchhändler gelernt und begeistert Kunstgeschichte studiert. Nannen fühlte sich seit damals besonders zu den Expressionisten seiner Zeit hingezogen.

Später, bevor es zur Stiftung kam, wollte er auch mal eine Kunstgalerie aufbauen. Das lag ihm als passioniertem Sammler aber nicht. Die Stiftung kam dann anlässlich seines 70. Geburtstages zustande. Er hat mehr oder weniger sein gesamtes Vermögen in sie eingebracht, vor allem seine persönliche Kunstsammlung von rund 650 Werken.

Kurz danach kam dann ja auch noch eine Schenkung von gut 200 Werken des Münchener Galeristen und Sammlers Otto van de Loo hinzu. Heute umfasst unsere Sammlung gut 1800 Werke.

Kunsthalle Emden

War es denn alleine seine Herkunft, die ihn dazu veranlasst hat, den Emdern ausgerechnet eine Kunsthalle zu hinterlassen?

In erster Linie schon, aber da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Emden liegt geografisch gesehen in der Provinz – an der Nordsee, nah an der Grenze zu unseren holländischen Nachbarn. Natürlich haben wir eine besondere Anbindung an die Welt durch unseren Hafen. Das hat Emden über die Jahrhunderte auch zu einer toleranten und offenen Stadt gemacht. Aber kulturell hat sich das bis dato nicht wirklich niedergeschlagen, vor allem nicht in Sachen moderner Kunst. Insofern waren die Voraussetzungen für so ein „Experiment“ ausgesprochen gut.

Das war Henri Nannens Ansatz – das steht sogar in der Stiftungssatzung. Er wollte den Menschen der Stadt und auch der Region Ostfriesland Kunst näher bringen, um sie zu unterhalten und anzuregen. Ihm war natürlich bewusst, dass es hier kein gewachsenes, etabliertes Kunstpublikum gab. Aber dieser Ansatz entsprach auch seiner Berufsauffassung als Journalist. In den 60er und 70er Jahren spielte der Stern eine andere Rolle als heute. Inzwischen erinnern sich viele immer noch am ehesten an den Skandal um die gefälschten Hitlertagebücher. Aber es gab vorher schon Viele Geschichten und Kampagnen, mit denen er und der „Stern“ viel bewegt haben wie etwa der Titel „Wir haben abgetrieben“ oder die große Äthiopien-Spendenaktion und nicht zuletzt auch „Jugend Forscht“.

Er wollte die Kunsthalle als eine Einrichtung verstanden wissen, die Menschen a) mit Kunst konfrontiert und sie b) zum Nachdenken anregt. Diese Motivation hält sich bis heute – auch in unserem neu aufgestellten Team. Die Kunsthalle soll inhaltlich nicht provinzialisieren. Besonders Besucher ohne künstlerisches Vorwissen sollen angesprochen werden – auch das steht in der Satzung.

Das bedeutet aber nicht, dass die Kunst selbst nicht auch einmal aus der so genannten „Provinz“ kommen kann. Noch bis zum 13. Januar 2019 zeigen wir beispielsweise Franz Radziwill, einen „Local Hero“, der die meiste Zeit seines Lebens im Nordseebad Dangast gelebt und gearbeitet hat. Allerdings betrachten wir sein Werk mit einem neuen frischen Blick und bringen es in „Radziwill und die Gegenwart“ mit zeitgenössischer, technik-skeptischer Kunst zusammen. (Bild: „Der Sturz des Ikarus“, 1960) Radziwill hat sich immer sehr mit dem ambivalenten Wesen des technischen Fortschritts beschäftigt – einerseits Begeisterung, andererseits aber auch Skepsis bis Angst beim Menschen auslösend.

Das ist auch keine Ausnahme. Dabei helfen uns langfristige Kooperationen mit anderen Ausstellern. Wir haben sehr gute Kontakte zum Horst Janssen-Museum in Oldenburg und planen für 2019 ganz konkret eine Ausstellung „Kosmos Janssen“. Janssen war ein international ausgezeichneter Grafiker, Illustrator, Fotograf, Zeichner und Autor, der 2019 90 Jahre alt geworden wäre. Auch hierbei werden wir Aspekte seines Werks präsentieren, die in den vielen bisherigen Janssen-Ausstellungen noch nicht so im Fokus standen.

Das bringt mich zum Thema: Technik. Wenn es um Wahrnehmung von Kunst und Ausstellungsformate geht, spielt Technik eine große Rolle bei Ihnen.

Ja, wobei auch das mit unserer Sammlung inhaltlich korrespondiert. Der Kern liegt in der Kunst des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Henri Nannen hatte sich immer schon sehr für die Klassische Moderne und den Expressionismus begeistert. Van de Loo hat eher erst in den 50er Jahren angesetzt als die aktuelle Kunst stärker in Richtung Abstraktion ging. Wenn man unsere künstlerische Ausrichtung ganz weiträumig charakterisieren möchte, würde ich sagen: Expressive Strömungen bis in die Jetztzeit.

Der hauseigene Tablet-Roboter "EMMY"

Aber in der Tat, wir begeistern uns auch sehr für moderne Technik und neue Technologien. Seit einiger Zeit experimentieren wir zum, Beispiel mit virtuellen Führungen, so dass auch Menschen etwa in den USA in unsere Ausstellungsräume sehen können. Sie Steuern am heimischen Computer, wohin der Museumsführer mit unserem Tablet-Roboter „EMMI“ vor Ort hingeht. Für deutsche Teilnehmer ist es schwieriger. Wir haben dafür hier im Museum zwar ein sehr gutes Netz eingerichtet, aber die Übertragung hängt von der Netzabdeckung beim User zuhause ab. Leider scheitern solche ansonsten längst umsetzungsfertigen Ideen manchmal an der schlechten digitalen Infrastruktur hierzulande. Auch gibt es derzeit noch offene Fragen hinsichtlich der Bildrechte von anderen Besuchern, die zufällig ins Blickfeld der Kamera kommen.

Anderes Beispiel: seit kurzem bieten wir auch ein Virtual Reality Labor an. Hier gibt es unter anderem ein Programm „Tilt Brush“, in dem man mit VR-Brillen selber virtuell Kunstwerke gestalten kann. Das kann man An jedem Nachmittag unter der Woche von 13.30 bis 15.30 Uhr erleben und ist im Eintrittspreis für das Museum enthalten. Wobei Kinder und Jugendliche bis 15 Jahren grundsätzlich freien Eintritt haben. Alles natürlich immer vor Ort betreut.

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Die Kunsthalle Emden und die Malschule Emden haben eine lange Beziehung miteinander – wo kommt die her?

Dazu muss man sagen, die Malschule Emden gibt es schon viel länger als die Kunsthalle. Sie feiert in diesem Jahr ihr 35. Jubiläum. Eske Nannen hat sie gegründet und die Entwicklung vorangetrieben. Sie ist hier so etwas wie die „Mutter der Malschule“.

Allerdings trifft der Ausdruck nicht mehr ganz zu. Es ist die größte Kunstschule in Niedersachsen und mittlerweile mit der Museumspädagogik der Kunsthalle zu der gemeinsamen Abteilung „kunst aktiv“ fusioniert.

Uns gemein ist vor allem der moderne Ansatz die Trennung zwischen Lernen und Praxis aufzuheben. Die Altersspanne in unseren Kursen reicht aktuell von zweieinhalb bis 86. Passt gut zum Grundgedanken Nannens, etwas erlebbar zu machen und anregen, das Erlebte selber fortzusetzen.

Es geht in unseren Werkstätten und Räumen nicht nur darum, zu malen, zeichnen oder werken. Uns ist ebenso die Vermittlung des künstlerischen Arbeitsprozesses und der fachlichen Grundlagen wichtig – für die unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksformen, konkret: Malerei, Bildhauerei, Druckgrafik, Keramik, Theater, Porzellanmalerei sowie Gold- und Silberschmiede. Wir haben beispielsweise gerade erst letztes Jahr eine große neue Siebdruckanlage anschaffen können.

Mit „kunst aktiv“ möchten wir besonders natürlich neugierige Menschen jeden Alters ansprechen und auch die Möglichkeit bieten, sich selber künstlerische Freiräume zu schaffen. Kunst, das Erleben wie das Selbermachen, ist persönlichkeitsbildend. Wie Eske Nannen immer sagt: „Wer früh mit Kunst in Berührung kommt, geht gestärkt durchs Leben“.

 

Gibt es auch hier Kooperationen – in diesem Fall mit anderen Bildungseinrichtungen?

Wie bereits erwähnt, möchten wir jedes Alter ansprechen. Dafür haben wir selbst geschultes künstlerisches und pädagogisches Fachpersonal, kooperieren aber auch mit Partnern und Institutionen bundesweit.

Wir haben Kooperationspartner aus Kultur, Bildung, Jugendhilfe, Wohlfahrt, Therapie und Freizeit. Hierzu zählen Projekte mit Schulen, Kindertagesstätten, Seniorenheimen, Behinderteneinrichtungen etc. Wir arbeiten mit Kleinkindern, Menschen mit sog. Behinderungen, Demenzkranken usw. genauso wie mit allen anderen – aber eben entsprechend betreut.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Erdwiens!


Wer die Kunsthalle Emden unterstützen möchte, kann das auch mit einer Spende machen.

Nur ein Tag in der Kunsthalle Emden und wieder zurück – das wäre zu schade, dafür ist die Stadt zu schön! Außerdem ist man hier im Handumdrehen an der Küste, die bei Wind und Wetter mindestens genauso schön ist, wie bei Sonnenschein. Also bleibt doch eine Weile in der Stadt und rundet das Erlebnis mit einem Besuch im Upstalsboom Parkhotel ab!

Viel Spaß! 

 

 

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