Menschen am Meer: Die Seenotretter – Interview

Die Seenotretter fahren raus, wenn andere reinkommen. Sie retten Leben und setzen dabei ihr eigenes ein. Dabei sind die meisten von ihnen freiwillige Helfer, Seeleute, Sanitäter, Techniker im hoheitlichen Auftrag der Bundesrepublik. Stationiert sind sie an Nord- und Ostsee aber ihre Hilfe reicht über den ganzen Globus.Auch wir unterstützen die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) und haben uns mit Antke Reemts aus der DGzRS-Leitstelle in Bremen getroffen, um Euch die Arbeit der Seenotretter ein wenig näher zu bringen. Und wenn Ihr mal Urlaub an unseren Küsten macht, besuchen die Seenotretter doch mal!


 

Frau Reemts, 2016 wurden bei mehr als 2000 Einsätzen knapp 490 Menschen gerettet. Neben 180 Festangestellten zählt die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger 800 Freiwillige. Was bedeuten Ihnen solche Zahlen?

 

Wir haben 54 Station und 59 Rettungsboote bzw. -Schiffe und in Bremen unsere Leitstelle für den maritimen Rettungsdienst. Natürlich gucken wir jedes Jahr auf unsere Bilanz und rechnen alles zusammen. Aber man kann Zahlen nicht auf den Wert eines einzelnen Lebens umrechnen. Insofern stehen diese Zahlen für Transparenz gegenüber unseren Spendern und der gesamten Öffentlichkeit.

Wir leben zu 100 Prozent von Spenden, bekommen keine Steuergelder. Das liegt aber auch in unserer Tradition. Wir sind vor mehr als 150 Jahren aus dem Gedanken heraus gegründet worden, dass Menschen sich freiwillig zusammenschließen, um die Rettung Schiffbrüchiger in die eigene Hand zu nehmen und zu organisieren. Dieser Gründungsgedanke funktioniert bis heute.

Es ist eine hoheitliche Aufgabe, die Sie erfüllen. Hat es zum Beispiel nach 1945 seitens der Bundesregierung nie Überlegungen gegeben, die Seenotrettung zu einer staatlichen Aufgabe zu machen, etwa um Finanzierung und Ausrüstung zu garantieren?

Als sich die Bundesrepublik nach dem Krieg verpflichtet hat, einen Seenot-Rettungsdienst nach internationalen Übereinkommen aufzubauen, gab es die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger schon längst. Deshalb hat uns die Bundesrepublik den hoheitlichen Auftrag erteilt, die Seenotrettung zu organisieren und weiter durchzuführen.

Was dieses Modell in unseren Augen so sinnvoll macht, ist die Stärkung der Eigenverantwortung. Sie steht im Mittelpunkt unserer Arbeit. Sowohl die 180 fest angestellten als auch die ungefähr 800 freiwilligen Retter, die im Einsatz raus auf das Meer fahren, entscheiden vor Ort selbstständig, wie Sie den Einsatz durchführen, welche Risiken Sie eingehen.

Seenotretter der DGZrS im 19. Jahrhundert, Gemälde: Claus Bergen, Foto: DGzRS

Dieses Maß an Eigenverantwortung steht letztlich auch für die Effizienz, dafür dass unsere Seenotrettung so gut funktioniert. Wenn wir sagen, wir brauchen neue Rettungswesten, dann entscheiden wir das selbst bzw. unsere Spender. Das ist für alle Beteiligten von Vorteil.

Natürlich gibt es einen engen Kontakt mit dem Verkehrsministerium des Bundes, da die hoheitliche Aufgabe auch gewährleistet sein muss. Und wir sind in internationale Strukturen eingebunden. Unsere Seenotleitung Bremen ist Ansprechpartner für die deutsche Schifffahrt überall auf der Welt. Allein 2016 sind wir in 231 Seenotfällen auch international im Interesse der deutschen Schifffahrt unterstützend oder initiativ tätig gewesen.

Ernst Dostal im Einsatz, Foto: Sven Junge

Wie groß ist Ihr Einsatzgebiet? Wenn man sagt: Nord- und Ostsee, gibt es da bestimmte Grenzen?

Ja, die Weltmeere sind überall in Such- und Rettungsgebiete eingeteilt. Auch außerhalb der Hoheitsgebiete ist international geregelt, wer wo für die Einsatzleitung zuständig ist. Natürlich fahren unsere Schiffe auch mal in niederländische oder polnische Gebiete. Das ist gar nicht so selten. Deswegen arbeiten wir permanent und sehr eng mit allen Nachbarn zusammen.

Es muss aber auch nicht immer akute Seenot sein. So kontaktieren deutsche Schiffe unsere Leitstelle in Bremen aus allen Teilen der Welt, wenn es Probleme gibt, bei denen wir helfen können – etwa bestimmte weiterführende Koordinationen einleiten.

Vormann Claus Dethlefs, Foto: Per Kasch@SeverinWendeler

Die entsprechenden Unterlagen mit Funkfrequenzen, Namen, Zuständigkeiten etc. – hat die jeder Kapitän auf See?

Ja. Das ist von der International Maritime Organisation (Unterorganisation der UNO) geregelt. Dort gibt es den SAR-Ausschuss (Search And Rescue). Der ist zuständig für Such- und Rettungsdienste und schlägt gewisse Konventionen und Standards vor, die dann gegebenenfalls von der Staatengemeinschaft übernommen werden.

Darüber hinaus gibt es für die Berufsschifffahrt verbindlich ein weltweites Seenot- und Sicherheitsfunksystem.

Die Schifffahrt ist international im Seenotfall zur Hilfeleistung verpflichtet! Natürlich haben wir auch sehr gute dauerhafte Kontakte zur Bundesmarine, etwa wenn wir bei der Suche auf See Seaking-Helikopter anfragen. Der Bitte um Unterstützung wird immer nachgekommen. Auch mit anderen Organisationen wie dem ADAC oder der DRF Luftrettung und privaten Partnern arbeiten wir gut zusammen – wenn es beispielsweise darum geht, uns Notärzte auf See nachzubringen.

Seenotkreuzer HANS HACKMACK, 1997 / Foto: Foto DGzRS, Helmut Hofer

2016 gab es eine Aktion „Retter helfen Retter“. Da waren Sie mit einem ehemaligen Seenotrettungskreuzer in Griechenland, obwohl Ihr Einsatzgebiet normalerweise die Nord- und Ostsee ist. Was hatte es damit auf sich?

Über die IMRF (International Maritime Rescue Federation, dem Zusammenschluß der weltweiten Seenotrettungsdienste) ging an mehrere Länder eine Bitte der Griechischen Küstenwache, da sie und die unterstützende Freiwilligenorganisation Hellenic Rescue Team (HRT) bei der Bergung und Rettung von Flüchtlingen im Ägäischen Meer an ihre Grenzen stießen. Retter helfen Rettern!

Nun haben wir keine Ressourcen für Auslandseinsätze oder Katastrophenhilfe wie etwa das Technische Hilfswerk (THW) oder Ärzte ohne Grenzen. Allerdings sind Ausbildung und internationale Unterstützung in unserer Satzung verankert. Wir haben jedes Jahr internationale Austauschprogramme mit Rettern aus aller Welt.

In diesem Fall war die Herausforderung für uns: Wie können wir einerseits die griechischen Kollegen vom Hellenic Rescue Team vor Ort nachhaltig unterstützen ohne gleichzeitig unsere Aufgabe an Nord- und Ostsee einschränken zu müssen?

Wir sind das unter der Maxime „Ausbildungseinsatz“ angegangen und haben das HRT in Einsatz-Koordinierung und medizinisch geschult, um sie zu stärken, da klar war, dass wir nur in einem zeitlich fest begrenzten Rahmen vor Ort unterstützen würden. Dazu haben wir uns mit Rettern aus mehreren Ländern zusammengeschlossen, Engländern, Niederländern, Norwegern und Schweden.

Unser großes Glück: der Käufer eines unserer ausgemusterten Seenotrettungskreuzer („Minden“) hat uns dafür sein Schiff kostenlos zur Verfügung gestellt.

Nach drei Monaten, Anfang Juni 2016, war klar, dass wir die Leistungsfähigkeit des HRT nachhaltig verbessern konnten. Allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt aber auch die Anzahl der Flüchtlinge über die Ägäis deutlich verringert.

Das Hellenic Rescue Team hat übrigens anschließend vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen eine Auszeichnung für die eigene Arbeit bekommen. Das hat uns natürlich sehr gefreut!

Wie war die Resonanz auf diese Aktion?

Die Presse hat unseren Einsatz unglaublich positiv aufgenommen. Das war zwar für uns kein Kriterium, hat uns aber natürlich sehr gefreut.

Für uns war von vornherein wichtig, dass wir der Öffentlichkeit genau erklären, was wir dort tun! Besonders natürlich auch unseren Spendern!

Beispiel: www.seenotretter-imrf.de/faq/

Modernes Tochterboot BIENE, Foto: Thomas Steuer

Wie wird man Seenotretter?

Als freiwilliger Seenotretter ist es wichtig, in Nähe der Stationen zu wohnen oder zu arbeiten.

Und einfach rausfahren ist nicht! Seemännisches Grundwissen, medizinische Ausbildungen seitens der DGzRS sind wichtig. Es gibt beispielsweise Schiffsicherheitslehrgänge, Lehrgänge zum Überleben auf See – mit Trainings in Lecksicherung, Brandbekämpfung und vielem mehr.

In Neustadt (Holstein) haben wir eine eigene Ausbildungsstation und in Bremen einen Koordinierungssimulator. Auf den einzelnen Stationen gibt es natürlich ebenfalls Aus- und Weiterbildungsangebote. Fest angestellte Seenotretter haben in der Regel ein Kapitäns- oder Maschinistenpatent und sind selbst jahrelang zur See gefahren.

Maschinist Steffen Schmeisser im Maschinenraum, Foto: Per Kasch@SeverinWendeler

Unterstützung ist für uns immer wichtig. Es ginge nicht ohne die vielen großartigen ehrenamtlichen Helfer, die unsere Sammelschiffchen betreuen oder Vorträge halten. Einige Modellbauer bauen unsere Schiffe nach, die dann bei Ausstellungen, Vorführungen etc. eingebaut werden. Es gibt viele Arten, uns zu unterstützen.

Wie sieht es mit Besichtigungen aus? So ein Besuch auf einem Rettungskreuzer ist sicher für viele interessant.

Klar, immer gerne! Aber bitte vorher bei uns in der Zentrale anrufen und einen Termin machen! Dann freuen wir uns über Besucher. An unserem Tag der Seenotretter, dem letzten Sonntag im Juli, lassen viele Stationen Besucher auch mal auf eine kleine Runde mitfahren! Bei vielen anderen Veranstaltungen sind unsere Seenotrettungskreuzer anwesend. Termine gibt’s im Internet: https://www.seenotretter.de/aktuelles/termine/alle/

 

Für Spenden:

spenden.seenotretter.de

Spendenkonto: Sparkasse Bremen
IBAN: DE36 2905 0101 0001 0720 16
BIC: SBREDE22

DGzRS – Die Seenotretter
Werderstr. 2
28199 Bremen
Tel. 0421-53707-0

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