100 Jahre Ostfriesland – Kriege, Emden und ein Hauch von Afrika

Geschichte kann ziemlich trocken sein. Wir möchten Euch gerne mit einem Augenzwinkern und in einer kleinen Serie die Geschichte von Ostfriesland näherbringen. Mit jedem Artikel greifen wir aus jeweils etwa 100 Jahren einige Ereignisse aus der Geschichte raus. Wir starten mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts, so um 1618, ein lauer Frühlingsmorgen…

Die Ruhe vor dem Sturm

Emden, gegen Ende des 16. Jhr.

Ostfriesland hatte sich gerade erst von den Niederländischen Freiheitskriegen erholt. Besonders die Stadt Emden erlebte ihre Blütezeit. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich innerhalb weniger Jahre auf etwa 15.000. Der Handel vollzog sich in erster Linie über die See. Emden war einer der wichtigsten Hafen- und Reedereistandorte Europas. Durch seine geografische Lage zwischen den calvinistischen Niederlanden und einem lutherisch geprägten Gebiet, dass sich damals vom heutigen Schleswig-Holstein bis runter nach Kassel erstreckte, war es konfessionell relativ stabil. Nur das Fürstbistum Münster südlich war zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges so etwas wie der letzte katholische Außenposten Richtung Norddeutschland.

Geplündert bis es kracht

Alles zusammen gehörte übrigens zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das war der geopolitisch wahrscheinlich absurdeste Flickenteppich aus Kleinstaaten bis runter zur Größe eines Dorfes. Mit dessen permanenter Aktualisierung hätte selbst Google (Maps) Probleme. Und weil es so schön bunt war, hat dann Luthers Reformation noch einen zweiten, ähnlich kleinteiligen, konfessionellen Flickenteppich drüber gelegt. Im nachfolgenden Bild zu erkennen: alles in Violett war katholisch oder überwiegend katholisch. Alles Rötliche steht für unterschiedliche protestantische Richtungen, vorwiegend Calvinischen (Holland) und Lutheraner (heutiges Nord- und Ost-Deutschland).

Doch im protestantischen Ostfriesland war auch noch nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges eigentlich erstmal alles relativ friedlich. Problem: Das machte die Gegend für auswärtige Söldner-Heere als „Ruhezone“ beliebt. Und da die technische Ausrüstung damals noch schlechter war als die der Bundeswehr heute, war es üblich, dass die Truppen sich vor Ort selbst versorgten. War auch kostengünstiger. Besonders der protestantische Heerführer Ernst von Mansfeld und seine Truppen haben später in Ostfriesland derartig rumgeplündert, als ob es um einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde gegangen wäre.

Protestantismus und Handel vertragen sich gut

Nun ja… streng genommen gab es in Ostfriesland zumindest kurzfristig doch so eine Art Gewinner aus dem Dreißigjährigen Krieg. Das waren die bürgerlichen Stände, besonders in Emden. Sie machten sich vor allem durch ihre wirtschaftliche Macht weitgehend von Vertretern des Fürstentums unabhängig. Protestantismus und Handel vertragen sich gut. Seinen Platz im Himmel verdient man sich bereits auf Erden. Überhaupt wurde die Verbindung zu den Niederlanden immer enger – politisch, kulturell und wirtschaftlich.

Aber dann gab‘s erst mal wieder für sieben Jahre ein paar Kriege, die allesamt unter dem Begriff „Holländischer Krieg“ zusammengefasst werden. Der Name täuscht. Im Prinzip waren darin schon wieder halb Europa von Spanien über England bis Schweden und der Heilige Römische Gemischtwarenladen involviert. Frankreich und Verbündete, darunter auch der Fürstbischof von Münster, marschierten gen Niederlande. Die unterschiedlichsten Heere, die daraufhin auch wieder kreuz und quer durch Ostfriesland randalierten, hatten mittlerweile ein gutgehendes Geschäftsmodell mit den einheimischen Siedlungen entwickelt: Wenn der Ort zahlt, gehen wir auch wieder. Die Kleidung des Söldners (Bild) war in der Regel eher Partyoutfit als praktisch. Das lag auch an der geringen Lebenserwartung in dem Job. Alles mitnehmen, so lange es noch geht.

Freche Bürger, Schutzgeld und globaler Handel über Emden

Diesen Knatsch versuchte derweil die damalige ostfriesische Fürstin Christine Charlotte von Württemberg auszunutzen und handelte noch während des Holländischen Krieges so eine Art Schutzgeld-Abkommen ausgerechnet mit dem Fürstbischof von Münster aus – gegen die Stände! Der war ja eigentlich ein Feind… aber gut. Jetzt nicht übersensibel werden. Hat nicht funktioniert.

Die Stände waren nämlich auch nicht untätig und flirteten mit dem damals ziemlich großen Brandenburg. Ihr Lockvogel-Angebot: der Hafen in Emden! Es gab nämlich eine – die Handelsrouten zur See gingen längst um den Globus – eine Brandenburgisch-Afrikanische Handelskompanie (Compagnie). Aber deren Heimathafen war Königsberg. Viel weiter weg von Afrika geht kaum noch. Also kurzerhand ein paar Truppen einmarschieren lassen und die politischen Machtverhältnisse wieder geradegerückt. Die fürstlichen Garnisonstruppen in Emden kapitulierten relativ zügig. Hätte ich an deren Stelle auch gemacht, waren nämlich nur 16 Mann. Und der neue Heimathafen der Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie wurde Emden.

Nach Sturmflut erst mal wieder Kloppen

Wir machen einen kleinen abschließenden Sprung ins Jahr 1717. Entgegen der weitläufigen Meinung, Sturmfluten gäbe es nur in Nordfriesland bis nach Hamburg runter, kannten das auch die Ostfriesen. Weihnachten 1717 holte die Nordsee aus und zog gleich knapp 3.000 Menschen mit sich. Das waren ungefähr 4 Prozent der damaligen Bevölkerung Ostfrieslands. Auch wirtschaftlich eine Katastrophe. Im nachfolgenden Bild dunkel eingefärbt die überfluteten Gebiete.

 

Was tun in so einer Lage – in einer Zeit, in der Kriege ungefähr so häufig vorkamen wie heute Kneipenschlägereien? Genau, man zieht wieder gegeneinander los. Der damalige Fürst von Ostfriesland Georg Albrecht witterte seine Chance und wetterte erneut gegen die Stände. Er appellierte an ihre gottgefällige Gehorsamkeit ihm gegenüber. Aber einige, unter anderem in Emden, fanden das eher so semi-attraktiv und verhielten sich renitent. So kam es 10 Jahre nach der Flut zum sogenannten Appellkrieg der „Gehorsamen“ plus Fürst gegen die „Renitenten“. Dieses Mal zogen die „renitenten“ Emder den Kürzen. Am Schluss hatte dann seine Kaiserlichkeit Karl VI. die Schnauze von dem ganzen Gezeter voll und gewährte allen renitenten Nörglern 1732 Amnestie.

Ausblick auf Preußen

Zwei Jahre später starb Graf Georg Albrecht und sein Sohn Carl Edzard wurde Landesfürst. Er war der letzte. Nach seinem Tod fiel Ostfriesland an Preußen. Preußen war damals gerade international schwer angesagt mit seinem berühmten König Friedrich II. „der Große“. Danach ging es auch wirtschaftlich mit Ostfriesland wieder bergauf. Und dann kam Napoleon. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

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Kommentare (2)

  • Hartmut

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    Nett erzählt, da kann man sich doch mal was merken. Gerne weiter so!

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  • Regina

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    Flott und unterhaltsam aufbereitet. Gerne mehr davon.

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