Stillstand und Aufschwung – 100 Jahre Ostfriesland (Teil 4)

Im 4. Teil unserer kleinen Serie mit Augenzwinkern über die Geschichte von Ostfriesland sagen wir den Franzosen „Adieu!“, versinken mit Kartoffelschnaps ein paar Jahrzehnte in den Halbschlaf und wachen mit den Preußen wieder auf. Dieser Teil schließt chronologisch an „Preußen, Moorland und ein bisschen Franzose“ an.

Europäische Einigung

Zu Beginn mutet das 19. Jahrhundert in Europa chaotisch an. Nach dem Ende der Französischen Revolution und Napoleons glich die europäischen Landkarte wieder einmal einem explodierten Ravensburger Puzzle.

Auf dem Wiener Kongress gestalteten die Siegermächte aus den Napoleonischen Kriegen, England, Russland, Preußen, Österreich sowie Vertreter aus etwa 190 weiteren Staaten eine Zukunft, deren Motto auch hätte lauten können: Früher war alles besser!
Der deutsche Kleinstaatenteppich wurde zum Deutschen Bund zusammengefasst. Eine Art Bundesstaat.

Karte vom Deutschen Bund
Der Deutsche Bund 1815-1866 (ziegelbrenner, Deutscher Bund, CC BY-SA 3.0)

Stillstand im Königreich Hannover

Obwohl eine der entscheidenden Siegermächte musste das Königreich Preußen Ostfriesland wieder abgeben – an das Königreich Hannover und damit England. Die Engländer hatten in weiser Voraussicht ordentlich Magengrummeln bei dem Gedanken, dass eine eigene Nordseeküste Preußen dazu verleiten könnte, sich als kommende Seemacht zu gefallen.

Nicht, dass sich Preußen zuvor durch übertriebenes Engagement bei der Trockenlegung der Moorflächen oder besonderes Interesse an der Gegend ausgezeichnet hätte. Aber man fühlte sich ihnen als Deutsche schon enger verbunden.  

Die schriftlich festgehaltene Zusicherung aus Hannover, die Ostfriesischen Landschaft, ein kommunaler Verband der Städte Aurich, Leer, Wittmund und Emden, würde nach dem Wiener Kongress weitestgehend souverän agieren können, war das Papier nicht wert, auf dem es zugesichert wurde.

Ausreisewelle in die USA

Ostfriesland war in diesen Jahrzehnten von Stillstand geprägt. Ja, Emden war immer noch ein gut frequentierter Hafen aber beispielsweise der sehr einträgliche Schmuggel zwischen England und Ostfriesland war durch Zugehörigkeit zu Hannover vorbei. Außerdem gab es noch keinen Seehafen oder einen Ems-Jade-Kanal. Weder Emden noch Leer waren bis Mitte des Jahrhunderts an das deutsche Schienennetz angeschlossen. Der Bevölkerungsanstieg auf etwa 200.000 zu jener Zeit war definitiv kein Symptom eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Im Gegenteil, Ostfriesland war eine der ärmeren Regionen.

Das alles führte zu einer zunehmenden Ausreisewelle in die Vereinigten Staaten. Besonders in den Staaten Illinois und Iowa sammelten sich ausgewanderte Ostfriesen und pflegten in der Gemeinschaft weiter ihre Bräuche und Sprache (Platt). Ab 1882 gab es sogar die Zeitung „Ostfriesische Nachrichten“. Der erste Teil war eine Übersicht der verschiedenen Regionen vor Ort und in der alten Heimat. Abonnenten gab es sowohl in den USA als auch in Ostfriesland. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Blatt allerdings nicht mehr auf den grünen Zweig und schloss 1971.

Titel (Logo) von den Ostfriesischen Nachrichten Iowa
Ostfriesische Nachrichten, Eigenverlag L. Hündling, 1882-1971 (User:pixelfehler, Ostfriesische nachrichten iowa, CC BY-SA 3.0)

Fisch, Kartoffel und Branntweinpest

Der Begriff Stillstand ist natürlich nicht allumfassend, sondern eher im Vergleich mit der beginnenden Industrialisierung zu sehen.  

Die weit verbreitete Armut machte vor allem den gesellschaftlichen Schichten unterhalb der Bauern zu schaffen. Das bei den Bauern angestellte Gesinde blieb allerdings weitgehend verschont. Seit Neuestem aß man das Gleiche und gemeinsam am Tisch.
In Norddeutschland gab es vor allem mehr als jeden zweiten Tag Fleisch. Fett und Fleisch war voll angesagt und vorhanden. Fisch übrigens weniger. Schon damals waren Seefischvorkommen in der Nordsee rückläufig. Der Hering verirrte sich schon lange nicht mehr in die Elbmündung und Schellfisch war nur noch für Reiche bezahlbar.

Der Speiseplan der Ärmeren war mehr auf die schmale Haushaltskasse als auf Geschmack, Abwechslung oder Nährwerte abgestimmt. Doch das machte umgekehrt diese Schichten empfänglich für Innovationen wie etwa die Kartoffel, deren Anbau sich erst zu Beginn des 19. Jh. stark verbreitete. Kartoffeln waren relativ leicht zu ziehen und bildeten mit variierenden Zugaben wie Fett, Salz oder Quark einen Grundbestandteil der Nahrung.

Und eine zweite Mode setzte sich im Zusammenhang mit der Kartoffel durch: der Branntwein. Im 18. Jh. gab es ihn fast ausschließlich in Gaststätten. Aber zur Jahrhundertwende setzte sich die Kartoffelbrennerei gegenüber der aufwendigeren Kornbrennerei immer mehr in Szene. Der Begriff „Branntweinpest“ lässt sich für diese Zeit besonders in Norddeutschland immer wieder finden. Viele Gutsbetriebe sicherten sich damit einen ansehnlichen Nebenverdienst.

Preußen und endlich Aufschwung

Der Deutsche Bund war für Preußen ziemlich unbefriedigend. Vor allem das unzusammenhängende Hoheitsgebiet mit Hannover und Hessen mitten drin machte Verwaltung und Handel kompliziert … und sah auf der Landkarte einfach auch nicht schön aus. Also zog man los und annektierte 1865/66 alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen war. Dazu gehörte auch das Königreich Hannover.


Die meisten Ostfriesen freuten sich. Ostfriesland wurde jetzt zu einem Teil der preußischen Provinz Hannover. Aus dem Deutschen Bund wurde kurzzeitig der Norddeutsche Bund und bei der Reichsgründing 1871 wurde alles Deutschland – mit starkem preußischen Einfluss natürlich.

Mit Preußen kam der wirtschaftliche Aufschwung durch die Industrialisierung endlich auch in Ostfriesland an. Der Ems-Jade-Kanal wurde gebaut, wenn auch eher aus militärischer Relevanz heraus. 1899 wurde der Dortmund-Ems-Kanal eingeweiht und 1913 schließlich die Große Seeschleuse in Emden. Die See- und Hafenstadt wurde zum großen ostfriesischen Umschlagplatz für Güter wie Erz und Kohle und zu einer wichtigen Schnittstelle zwischen Nordsee und Ruhrgebiet. In Bezug auf ihre Binnenlänge galt die Große Seeschleuse damals als größte der Welt. Dieses Wirtschaftswachstum hielt bis zum Beginn des 1. Weltkrieges an.


Große Seeschleuse Emden (Bin im Garten, Flug Emden 2010 047, CC BY-SA 3.0)

Übrigens war für die Große Seeschleuse in Emden nach Vollendung der Bauarbeiten eine ungefähre Haltbarkeit von 100 Jahren prognostiziert worden. Zu Beginn des 21. Jh. war nicht klar, ob Reparaturen und Renovierungen für den dauerhaften Erhalt ausreichen würden. 2018 war allerdings der befürchtete Abriss vom Tisch. Von 2021 bis 2029 soll die Schleuse bei laufendem Betrieb saniert werden. Wäre die Schleuse ein Flughafen oder ein unterirdischer Hauptbahnhof sähe die Sache vielleicht weniger günstig aus. Mal wieder Lust auf Emden und den Hafen bekommen? Besuchen Sie und doch mal wieder im Parkhotel! Zu Fuß seid Ihr in 5-10 Minuten am Hafen vor dem historischen Rathaus. Und auch nach Genuss von Branntwein und Backfisch verlängert sich die Zeit nicht wesentlich. Gegenüber am Delft steht die beste Fischbude Ostfrieslands!  

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